„Stets findet Überraschung statt. Da, wo man‘s nicht erwartet hat!“ – Wilhelm Busch.

Das dieses Zitat die Mongolei so treffend beschreibt, hätten wir nicht gedacht. In unseren Köpfen kreisten Bilder von endloser Steppe, einsamen Nomaden und rauem Wind. Jetzt, nachdem wir gut einen Monat in der Mongolei verbracht haben, wissen wir: Wilhelm Busch hatte Recht! Denn die Mongolei ist weitaus mehr als Steppe, Nomaden und Wind.

Aus Kirgistan fliegen wir in die Mongolei und landen in der Hauptstadt Ulanbator. In Ulanbator leben mehr als die Hälfte aller Mongolen auf engstem Raum. Die Stadt ist grau, dreckig und laut. Die Luftverschmutzung in Peking ist gegen die Ulanbators gerade mal moderat. Wer einmal in Peking war, kann sich vorstellen, wie schwer und fies die Luft in der mongolischen Hauptstadt sein muss. Kein Wunder – gleich mehrere Kohlekraftwerke brodeln mitten im Zentrum der Stadt.

Unvorstellbar … übrigens sind diese, so lernen wir gleich von mehreren Mongolen, nicht der Grund für die graue Nebelglocke über der Stadt. Die ist nur Sand oder vielleicht ein bisschen Staub. Aber nein, nein, kein Smog! Das denken nur wir, die Touristen. Aha! Das sich die Fenster in unserem Hotel nicht öffnen lassen und rund um die Uhr Luftreiniger in allen Zimmern laufen, hat also sicherlich keinen tieferen Sinn. Die Fenster lassen wir eh lieber geschlossen, denn in der Stadt gibt es einfach zu viele Autos und daher rund um die Uhr Stau, Stau und nochmals Stau.

Ulanbator ist also genau so, wie wir es uns vorgestellt haben. Wo ist die Überraschung? Wir landen in Ulanbator und machen uns auf den Weg vom Flughafen zum Hotel. Kaum Verkehr, gute Luft, keine Staus. Der Grund für diesen Ausnahmezustand: Hoher russischer Besuch ist in der Stadt – Putin. Klar, dass für ihn alle Straßen freigehalten werden. Putin selbst sehen wir zwar nicht, wir profitieren aber, zumindest für einen Tag, von dem bizarren Zustand der Stadt. Als wir am nächsten Tag die Vorhänge unseres Hotelzimmers wieder öffnen dürfen – Putin ist mittlerweile abgereist und der Blick auf die Strasse wieder erlaubt – erleben wir das wahre Ulanbator… Also raus in den Lärm, den Smog und das Gehupe. Der Verkehr der Stadt verschlingt uns sogleich. Was für ein Wirrwarr. Unser Taxifahrer manövriert uns versiert durch den mongolischen Verkehr, der in unseren Augen, wirklich keinen Strassenregeln folgt. Also Augen zu, tief durchatmen und abwarten was passiert. Unser Puls legt sich, sobald wir das Auto verlassen. Wie Oasen der Ruhe erleben wir all die Orte, die wir an diesem Tag besuchen.

In den Klöstern der Stadt riecht es plötzlich nach frischem Weihrauch. Wir lauschen den Gebeten der Mönche. Tauben gurren um uns herum. Der Lärm und Dreck, die nur eine dicke Klostermauer entfernt sind, wie weggezaubert.

Wir bestaunen eine riesige goldene Statue einer buddhistischen Gottheit. Was für ein friedlicher Ort im Herzen Ulanbators.

Dieser ist jedoch von einer traurigen Geschichte überschattet. All das, was wir sehen, sind Gebäude, die nach dem Zerfall der Sowjetunion wieder aufgebaut wurden. Über 60 Jahre haben die russischen Machthaber nicht nur die Mongolei beherrscht, sondern auch unglaublich erbarmungslos zerstört. Fast jeder buddhistische Tempel ist dem Erdboden gleich gemacht worden.

Diese Geschichte sollen wir übrigens bei jeder Klosteranlage, die wir besuchen werden, hören. Um so erstaunlicher mit welcher Freude die Mönche, die wir treffen, uns berichten, was sie an originalen Heiligtümern erhalten und welche Tempelanlagen schon wieder restauriert werden konnten. Oft stehen wir allerdings nur in einem Raum mit einer handvoll Schriften oder kleiner Statuen, oder gar auf einem Feld aus Ruinen. Solch eine Dankbarkeit für das Wenige, was man besitzen kann, haben wir auf unserer Reise selten erlebt.

Wir wollen raus aus der Stadt. 1,5 Mio. Menschen und damit die Hälfte aller Mongolen wohnen in der Hauptstadt. Wir sind gespannt, wo die andere Hälfte der mongolischen Bürger lebt. Sie müssen auf jeden Fall sehr viel mehr Platz haben im Rest des Landes. Die Mongolei ist nämlich gut vier mal so groß wie die Bundesrepublik Deutschland.

Da wir uns dieses Jahr schon auf so viele Weisen fortbewegt haben, wagen wir in der Mongolei ein neues Abenteuer. Wir kaufen uns einen alten russischen Jeep, mit dem wir selbst durch die mongolische Steppe und die Wüste Gobi fahren wollen. 4000 km Strecke liegen vor uns und unserem UAZ.

Ein Dolmetscher, Navigator und Techniker in Personalunion begleitet uns auf unserer Reise in seinem eigenen Fahrzeug: einem russischen Kleinbus. Dachten wir zu mindest bis zum Tag der Abreise. Der alte Besitzer unseres Jeeps möchte unsere Reisegruppe spontan begleiten. Er ist ein Bekannter unseres Dolmetschers, findet unsere Route spannend, da er viele Orte selbst noch nicht gesehen hat und meint, dass es vielleicht nicht verkehrt ist, wenn er ab und an nach dem Jeep schauen kann. Wir haben beschlossen, allen Überraschungen maximal flexibel zu begegnen und willigen ein, dass er uns begleiten darf. So ziehen wir also los. Jan und ich im russischen Jeep und Chuka und Tulga im russischen Bus.

Unsere Ralley Mongolia beginnt mit einem 13-stündigen ersten Tag. Wir stauen uns drei geschlagene Stunden aus Ulanbator heraus. Für eine Strecke von 10km bis zur Stadtgrenze. Der Highway, der uns im Anschluss nach Norden Richtung russische Grenze bringen soll, entpuppt sich als eine mehrere Hundert Kilometer lange Baustelle. Geplante Fertigstellung: November 2019. Das bedeutet in der Mongolei Schotterpiste und Schlaglöcher.

Der angepriesene Highway ist nie im Leben in zwei Monaten fertig und im Übrigen als solcher nicht zu erkennen. Mit 30 km/h kämpfen wir uns durch die Baustelle. Genau, mehrere Hundert Kilometer lang. Eine Umleitung (plus zwei Stunden), ein Reifenplatzer (am Jeep), ein defekter Stoßdämpfer (am Bus), diverse Polizeikontrollen und zur Krönung sintflutartiger Regen sorgen dafür, dass wir eben erst in der Dunkelheit unser erstes Lager erreichen.

Überrascht sind übrigens an diesem Abend nur Jan und ich. Hätte unser Navigator nicht im Vorfeld die Strecke checken können? Die Baustelle ist ja nicht erst seit gestern da! Warum passt der Ersatzreifen, den wir montiert haben, nicht auf den Jeep? Er ist viel zu klein und das Auto zieht nun permanent nach rechts! So können wir unmöglich weiter fahren! Warum funktionieren weder beim Bus noch beim Jeep alle Birnchen? Klar, dass die Polizeikontrolle genau diese checkt. Und wieso verliert eigentlich der Bus, der uns ja eigentlich begleiten soll, schon an Tag eins seinen Stoßdämpfer? Und wo ist er überhaupt? Ah ja – im Bus. Soll irgendwo geschweisst werden, lernen wir. Offensichtlich kein dringender Handlungsbedarf. Mit sehr gemischten Gefühlen schlafen wir in dieser Nacht in unserer Jurte ein.

An Tag zwei rollt prompt während unseres Frühstücks erstmal der russische Bus vom Parkplatz und kollidiert unsanft, aber bis zum Stillstand mit dem Eingangstor des Jurtencamps. Der Bus hat keine Handbremse, kann also schon mal passieren, lernen wir. Ok – gut zu wissen! Wir machen uns auf den Weg in die nächste Stadt und schauen nach einem neuen Vorderreifen für unseren Jeep. Auf dem Land ist die Auswahl leider beschränkt.

Unsere beiden Begleiter beschliessen, dass der Jeep zwei neue Vorderreifen bekommt. Zwar passend von der Größe, aber leider nicht geländegängig. Immerhin fährt das Auto nun wieder geradeaus. Die neuen Reifen schlagen sich tapfer im Gelände, in dem wir uns eigentlich ausschließlich bewegen. Off-road Bereifung wird völlig überbewertet. Stattdessen finden wir unseren Dolmetscher während der Mittagspause plötzlich unter dem seinem Bus wieder. Stoßdämpfer anschweißen. Prima, der sitzt also wieder!

Passenderweise geht kurze Zeit später das Getriebe des Busses kaputt. Natürlich mitten im Nirgendwo. Das stellt in der Mongolei jedoch kein Problem dar. Die Frau unseres Dolmetschers kommt mit einem Ersatzgetriebe (keine Ahnung, woher so schnell) zu uns gefahren und das Getriebe wird über Nacht getauscht. Erfolglos wie wir gleich am Folgetag feststellen. Nur die Hälfte der Gänge funktioniert – also wird das Getriebe in der nächsten Nacht einfach nochmal zerlegt. Diesmal mit Erfolg.

Zu unserer Überraschung werden eines Abends in unser Jurtencamp zwei passende und geländegängige Vorderreifen für unseren Jeep geliefert. Dass unsere beiden Begleiter diese extra aus Ulanbator haben liefern lassen, haben sie uns nicht verraten. Die Freude ist gross! Aber – wir wollen es ja nicht übertreiben. Die Reifen werden daher erstmal hinten in unseren Jeep geladen und können ja später gewechselt werden. Wir protestieren mal nicht und freuen uns auf später. Später ist tatsächlich zwei Tage später und der Jeep nun endlich 100% gelände tauglich!

Bis … wir plötzlich keine Leistung mehr haben und unseren Auspuff mit lautem Getöse verlieren. Ohne diesen sind wir in der Wüste nicht mehr zu überhören. Schade, dass unsere Begleiter noch am selben Tag auf der Straße eine Möglichkeit zum Schweißen finden. Mit gesittetem Sound geht die Reise also weiter.

Ach ja – der Bus hat übrigens auch irgendwann seinen Auspuff verloren, möchte aber noch ein paar Tage weiter durch die Steppe knattern. Eines Nachts finden wir unseren Dolmetscher nicht mehr. Er taucht freudestrahlend am nächsten Tag wieder in unserem Camp auf und erklärt, dass er kurz zum Schweißen bei einem Kumpel um die Ecke war. Wo auch immer “um die Ecke” in der Wüste Gobi ist. Der Auspuff sitzt auf jeden Fall wieder an Ort und Stelle.

Und dann war da da noch die erfrischende Fussdusche aus Kühlflüssigkeit, die plötzlich in unserem Fußraum losging. Nur eine defekte Schelle am Kühlschlauch und nasse Füße. Im flexibel sein sind wir ja mittlerweile geübt. Lapalie also!

Die Liste könnten wir endlos weiterführen. Nicht normal denkt Ihr? In der Mongolei nicht – wissen wir!

Auch wenn das Off-road Fahren einen großen Teil unserer Tage eingenommen hat, haben wir auch an vielen Orten einfach entspannen und geniessen können. Wir haben an den einsamsten Orten mitten in der Wüste Gobi gezeltet.

Und mit Kamelen gefrühstückt. Unvergesslich – denn Kamele schmatzen ganz schön laut.

Da, wo der Jeep nicht mehr weiter kam, haben wir zu Fuß die Sanddünen erkundet. Übrigens, wusstet Ihr, dass Sanddünen singen? Oben angekommen konnten wir nicht nur einen grandiosen Ausblick über die Wüste Gobi, sondern auch das feine Surren der Sandkörner geniessen.

Oft haben wir uns auch wie in den Nationalparks der USA gefühlt. Diese Canyons hätten wir nicht in der Zentral-Mongolei vermutet. Die Landschaft in der Wüste Gobi ist wahrlich mehr als Steppe und Sand.

Nicht zu vergessen, all die Begegnungen, die wir mit den Menschen vor Ort hatten. Als deutsches Touristenpärchen, das in einem alten russischen Jeep durch das Land fährt, fällt man auf. So konnten wir gar nicht anders, als bei den neugierig schauenden und freundlich winkenden Nomadenfamilien zu mindest anzuhalten.

Ein Besuch ist uns besonders in Erinnerung geblieben. Anhalten und freundlich zurück winken reichte hier nicht. Zack wurde die Autotüre aufgerissen, wir freundlich herausgebeten und in die Jurte geschoben. Dort wurden wir mit nomadischen Köstlichkeiten verwöhnt: Vergorene Pferde-Stuten-Milch und vergorener Quark. Diese Köstlichkeiten haben uns schon in Tadschikistan nicht geschmeckt.

Also freundlich lächeln, ein wenig probieren und die Tasse wieder zurückgeben. Dass wir nicht austrinken, scheint kein Problem zu sein. Schon werden wir aus der Jurte geschoben und mit auf die Weide genommen. Die Stuten müssen gemolken werden. Der Vorrat an vergorener Milch soll ja nicht ausgehen.

Gespannt verfolgen wir das Spektakel und finden: drei Stunden bei der Nomadenfamilie sind wirklich Zeit genug. Wir wollen weiterfahren. So schnell und einfach dürfen wir aber nicht verschwinden. Nach dem Melken müssen wir natürlich noch einmal in der Jurte einkehren und vergorene Stutenmilch trinken. Die schmeckt uns – zum Erstaunen aller – auch jetzt noch nicht.

Erst viel später lernen wir übrigens, dass die vergorene Milch Alkohol enthält! Kein Wunder, dass alle Nomaden ständig gut gelaunt sind und ein breites Grinsen im Gesicht haben. Die kleinen Kinder inklusive. Als Dankeschön für die Gastfreundschaft verteilen wir noch ein paar Süßigkeiten und schießen ein Abschiedsfoto mit der Familie. Die hat sich übrigens, im Laufe unseres Besuches, deutlich vergrößert. Aus Mama, Papa und zwei Töchtern wurde diese Gesellschaft hier.

Und auch in der Mongolei erleben wir, dass es nicht zwangsweise eine gleiche Sprache zur Verständigung braucht. Ein Basketball, ein verstaubter Hinterhof und ein Korb reichen völlig aus. Gut, dass Jan nicht nur Talent für den Umgang mit Kindern, sondern auch für den orangenen Ball hat.

Zurück in Ulanbator geben wir unseren Jeep seinem usprünglichen Besitzer zurück. Ihn mitzunehmen, hat unsere Reise im Übrigen sehr bereichert. Er lädt uns in der Stadt zu sich nach Hause ein und wünscht sich, dass wir seine drei Kindern und seine Katze kennenlernen. So fällt uns das Ankommen in der lauten Stadt ein wenig leichter. Nach 4000km abenteuerlicher Naturpiste, unbeschreiblicher Weite und tollen Begegnungen endet unsere Rallye Mongolia wieder in Ulanbator.

Was sollen wir anstellen den ganzen Tag im Lärm und Chaos der Stadt? Im Hotel warten sicherlich keine Überraschungen auf uns. Also nehmen wir die Einladung an und verbringen tatsächlich einen ganzen Tag im 70qm Apartment der Familie. Bei Pizza und Pepsi blättert wir durch das Familienfotoalbum und sämtliche Schulhefte der Kinder. Gerne waschen und trocknen wir auch unsere Wäsche bei Ihnen. Waschsalons haben wir in Ulanbator nämlich keine finden können. Schön, was aus einem Autokauf entstehen kann.

Wir sind mit so einfachen Bildern im Kopf in die Mongolei gereist und verlassen sie mit einem so bunten Bilderbuch wieder. Wie haben wir das Land unterschätzt!

Nur in einem Punkt sollten wir Recht behalten. Ja, Mongolen essen gerne Hammelfleisch! Und nein, wir mögen beide kein Hammelfleisch. Richtig – Problem! Denn wirklich alles schmeckte auf unserer Reise nach Hammel. Da kam mir fast entgegen, dass ich mir einen fiesen Magen-Darm-Virus eingefangen habe und mehrere Tage nur Wasser und trockenen Reis essen konnte. “Leider” hat Jan sich nicht angesteckt und musste weiter im Hammelparadies speisen.

Wir setzen nun endlich unsere Reise mit dem Zug fort. Vor einiger Zeit sind wir ja in Moskau mit dem großen Ziel Peking gestartet. Von Ulanbator aus soll uns die transmongolische Eisenbahn nun bis nach China bringen. Wilhelm Busch und seine Überraschungen lassen wir gerne in Mongolei.

Greta // Peking // 02. Oktober 2019