Am Grenzübergang von Usbekistan nach Tadschikistan vor einigen Tagen: „Mister! Misses! Step forward please“. Der Offizier in der frisch gebügelten Uniform meint offensichtlich uns. Energisch winkt und gestikuliert er in unsere Richtung. Unsicher drängen wir uns mit unseren schweren Duffel-Bags auf dem Rücken durch das Gedränge an der Grenzkontrolle. Das ähnelt eher einem türkischen Basar als einem offiziellen Grenzübergang. Überall wird geschoben, gedrückt und geschimpft. Wir sind umgeben von Wassermelonen beladenen Usbekinnen im gehobenen Alter, für die Rücksicht oder geordnetes Anstellen offensichtlich Fremdwörter sind. Gibt es in Tadschikistan keine Wassermelonen? … fragen wir uns. Oder sind sie deutlich teurer oder saftiger als in Usbekistan? Irgendeinen guten Grund muss es geben, dass so ein reger Wassermelonen-Tourismus hier herrscht.

„Mister! Misses!“ ruft es erneut. So schnell wie es sich der Grenzbeamte vorstellt, können wir durch das Gedränge gar nicht zu ihm vorkommen. Gekonnt ignoriert er die Wassermelonen-Ladies um uns herum. Die haben wir zwar mittlerweile überholt, was sie aber nicht davon abhält mit Ihren Pässen über unseren Schultern zu wedeln. Unsere Duffelbags werden schwer und schwerer auf unseren Rücken und unsere Pässe scheinen sehr viele interessante Stempel zu haben. Jede Seite wird genauestens vom Grenzbeamten inspiziert. Dann wird fleissig gestempelt. Wir lächeln tapfer und lassen uns das Gewicht auf dem Rücken nicht anmerken. „Is it your first time in Tadschikistan?“ – „Yes!“. Der Grenzbeamte lächelt freundlich, klappt unsere Pässe zu und sagt ganz feierlich: „Welcome to Kasachstan!“. Ähm – sind wir am richtigen Grenzübergang oder gerade versehentlich nach Kasachstan eingereist?! Das feierliche Lächeln wird zu einem verschmitzten Lachen. „Welcome to beautiful Tadschikistan!“ Da hat sich der Grenzbeamte wohl nur einen Scherz mit uns erlaubt. Und wir sind tatsächlich in dem Land angekommen, in das wir wollten: Tadschikistan. Was für ein Empfang.

Tadschikistan ist eines der ärmsten Stan-Länder. Das Land besteht zu über 93% aus Bergen. Was Wirtschaft, Arbeit und Infrastruktur zu einer großen Herausforderung macht. Unser erster Eindruck? Staubig! Überall ist es staubig. Die Straßen – meist nicht geteert und mit großen Schlaglöchern versehen sind ein Abenteuer. Gute zwei Stunden schaukeln wir in einem Mini–Van in‘s Landesinnere an einen Ort mit dem Namen: Noffin. Den konnten wir nicht einmal auf Google finden. Aber – es gibt ihn tatsächlich. Noffin ist ein kleines Dorf und der Ausgangspunkt unserer Trekking-Tour in Tadschikistan. Was sollten wir auch anderes hier unternehmen, wenn es fast nichts außer Berge gibt?

Zum Glück stoppen wir auf der Fahrt an einem Basar, um Lebensmittel für die Trekkingtour einzukaufen. Welch Wohltat! Für eine kurze Zeit keine Schlaglöcher, dafür aber türkischen Basar vom Feinsten.

In Noffin angekommen verbringen wir unsere erste Nacht bei einer tadschikischen Familie und lernen unseren Guide kennen. Tadschiken sind unglaublich gastfreundlich. Sie teilen großzügig das Wenige, was sie besitzen. Schon der erste Tag in Tadschikistan katapultiert uns Jahrzehnte zurück in die Vergangenheit. Gekocht wird im Freien auf einem holzbefeuerten Ofen.

Wir bekommen das tadschikische Nationalgericht: Pilaw – Reis mit Karotten, Kümmel, Rosinen und Möhren serviert. Dazu grünen Tee. Einfach, aber auch einfach köstlich. Woher das Wasser kommt, wie hier gespült oder geputzt wird, fragen wir uns erst gar nicht. Auf dem Trek die kommenden Tage werden wir noch einfacher leben. Wir sitzen auf dem Boden. Wie übrigens auch an jedem weiteren Tag hier im Land. Tische und Stühle gibt es hier nicht. Unser zweiter Eindruck: das Land ist nicht nur staubig, sondern auch bitter arm. Aber die Herzlichkeit der Tadschiken, die wir in den ersten 24 Stunden kennenlernen, ist unbeschreiblich. Obwohl wir uns nur mit Händen und Füßen verständigen können, fühlen wir uns gleich pudelwohl. Ein Lächeln sieht eben in jeder Sprache der Welt gleich aus.

Für eine gute Woche wandern wir durch das Fan-Gebirge und durch Landschaft, die karger, trockener und staubiger nicht sein könnte. Und es ist heiß! Das erste Mal dieses Jahr genießen wir es, dass wir jeden Tag in T-Shirt und kurzer Hose laufen können. Uns und unsere Klamotten waschen wir jeden Abend in frischem Gebirgswasser. Denn – auch das ist ein Novum – wir schlagen unser Lager jede Nacht an einem Fluss oder See auf.

Auch wenn die Landschaft eintönig ist und wir von Touren aus Bolivien und Nepal sicherlich verwöhnt sind. Hier in Tadschikistan schlafen wir an den schönsten Orten. Und das Beste: wir sind alleine! Wir sind jeden Tag auf‘s Neue von der Abgeschiedenheit und der Schönheit der Natur überwältigt. Wenn es nicht die Wanderwege selbst sind, die wir in Tadschikistan finden, dann die schönsten Bergseen, die wir dieses Jahr sehen durften.

Mit jedem Tag, an dem wir einstauben, lernen wir die Landschaft jedoch mehr zu schätzen. Abends im Camp werden wir mit einfachem, aber gutem Essen verwöhnt und lassen den Tag mit einem zufriedenen Lächeln im Gesicht Revue passieren.

In Jans Geburtstag starten wir übrigens auf einer mit Kuhfladen übersähten und mit entsprechendem Duft versehenen Wiese. Nun gut, „normale“ Geburtstage werden wir noch ausreichend feiern in unserem Leben.

Am Abend erfahren wir noch einmal tadschikische Gastfreundlichkeit in vollen Zügen. Unser Koch, der uns auf dem Trek begleitet, zaubert ein köstliches Geburtstagsessen für uns. Der Esel-Treiber lässt es sich nicht nehmen und reitet am Nachmittag als wir unser Camp aufgeschlagen haben noch einmal los und kommt ganz stolz nach über einer Stunde Ritt mit einem kleinen Präsent für Jan zurück: einer Flasche tadschikischem Vodka. Und der schmeckt ganz hervorragend. Ob es daran liegt, dass wir die ganze Flasche vernichten mussten oder ob er tatsächlich so lecker war, bleibt unser Geheimnis.

Unser Trek führt uns durch viele kleine Dörfer. Diese erkennen wir auf den ersten Blick oftmals gar nicht als solche. Die Unterkünfte der Menschen hier sind unvorstellbar einfache Lehm- oder Steinhütten. Aus jeder dieser Hütten krabbeln ganz aufregt Kinder, die uns freudestrahlend mit einem „Hello! Hello!“ begrüßen und uns meistens auch ein Stück auf unserem Weg begleiten.

In fast jedem Dorf bekommen wir ausserdem eine Kleinigkeit angeboten. Meistens handelt es sich hierbei um eine tadschikische Süßigkeit: getrocknete Ziegenmilch. Wir beißen tapfer ein kleines Stück ab. Aufessen unmöglich. Ziegenmilch ist ja schon speziell genug, wenn sie aber auch noch vergoren ist … keine Chance. Unser Guide hat auf diesem Trek bestimmt seinen Jahresbedarf an Ziegenmilch gedeckt. Er isst all unsere angebissen Süßigkeiten auf.

Täglich begegnen wir auch oft schwer beladenen Eseln. Diese tragen unvorstellbar große Mengen an Heu und getrockneten Kräutern aus höheren Bergregionen in die tiefergelegenen Dörfer. Begleitet übrigens von Esel–Treibern in Sandalen. Bergschuhe, wie wir sie tragen, werden hier nur mit großen Augen angeschaut.

Auf unserem Trek kommen wir übrigens noch ein weiteres Mal bei einer tadschikischen Familie unter. Unser Homestay dieses Mal mitten in den Bergen und deutlich einfacher. Stolz wird uns die Toilette des Hauses gezeigt. Wir sind uns beide schnell einig: auf die Natur-Toilette, die wir sonst jeden Tag hatten, freuen wir uns jetzt schon wieder. Immerhin können wir unsere Schlafsäcke im Garten lüften.

Super Idee finden wir zu diesem Zeitpunkt noch – bis wir nachts mehrfach aufwachen und eine Wespe, eine Spinne und einen dicken Käfer aus unseren Schlafsäcken fischen. Beim Abendessen (natürlich wieder auf dem Boden) gesellt sich der Hausherr zu uns. Unser Guide übersetzt fleißig und wir lauschen seinen Erzählungen. Wir lernen, dass der tadschikische Präsident (seit 1996 ohne Unterbrechung an der Macht) sehr beliebt ist und hoffentlich noch viele Jahre weiter regieren wird. Wir erfahren, dass Hochzeiten arrangiert und Frauen (sie wünschen es sich!) zu Hause bleiben und im Durchschnitt 5 Kinder bekommen. Als wir berichten, wie wir in Deutschland leben, schüttelt der Hausherr nur den Kopf: Nein. Das ist hier nicht möglich.

Wir schmunzeln, als wir hören, dass es in Tadschikistan ein Gesetz gibt, dass eine Hochzeit maximal 3h gefeiert werden und aus einer maximalen Anzahl von 150 Gästen bestehen darf. Bei so vielen arrangierten Eheschließungen muss man sich eben etwas einfallen lassen … Am Abend, als wir auf unserem tadschikischen „Bett“ liegen, wird uns klar: Das Land ist nicht nur bitterlich arm, sondern auch weit weg von Emanzipation und Demokratie.

Lange Hosen und ein dickes Fleece kommen an unserem letzen Trekking Tag doch noch zum Einsatz. Es regnet und stürmt! Da hatten wir wirklich Glück. Wir sind über eine Woche täglich über 15 km gelaufen, haben diverse Pässe überquert und sind mindestens 1000 Höhenmeter pro Tag auf– und wieder abgestiegen. All das bei strahlendem Sonnenschein.

Doch schlechtes Wetter ist kein Problem. Zum Glück gibt es Lagerfeuer. Unser Guide und unser Koch „heizen“ uns am Abend mit tadschikischen Volksliedern einfach richtig ein.

In Dushanbe schauen wir uns heute die tadschikischen Zivilisation an und freuen uns auf ein frisches Bett und eine Dusche. Von hier aus fliegen wir später am Tag in das nächste Stan–Land weiter: nach Bishkek in Kirgistan.

Was für eine Bereicherung, Tadschikistan erlebt zu haben. Wir sind gespannt, was uns in Kirgistan erwartet. Denn, die einzige offensichtliche Gemeinsamkeit, die die Stan–Länder zu haben scheinen, ist die Endung in ihren Namen. Und übrigens, wir konnten nicht herausfinden, warum so viele Wassermelonen über die usbekische–tadschikische Grenze gebracht werden. Auf dem Trek gab es für uns jeden Tag frische tadschikische Wassermelonen und die waren wirklich köstlich!

Greta // Dushanbe // 25. August 2019